Deutsche Kirchen feiern 1000 Jahre Taufe Russlands. Historische Rolle der Tübinger orthodoxen Gemeinde in der Volksversöhnung. 1988

Besondere Aufmerksamkeit verdient die seitens unserer Gemeinde-Veranstaltung von den grandiosen Gottesdiensten in den Stiftskirchen Tübingen und Stuttgart aus Anlass der Feier des 1000-jährigen Jubiläums der Taufe Russlands. Freude und spiritueller Aufstieg waren mit den Ereignissen der „Perstrojka“ und „Glasnost“ verbunden, sie sammelten mehr als tausend Deutsche in der evangelischen Stiftskirche Tübingen zum orthodoxen Gottesdienst am Festtag aller russischen Heiligen am 11. Juni 1988, welchen Dekan Heiner Küenzlen mit einem Grußwort eröffnete. Das Evangelische Gemeindeblatt berichtete damals:

„Es war schon nach 21 Uhr, als Universitätsmusikdirektor Alexander Sumski den Entschluss fasste, sich mit seiner Camera vocalis in die noch immerwährende Abendsmalsfeier einzuschalten. Sein Programm mit Hymnen der orthodoxen Kirche ergänzte die mehrstimmigen Gesänge des kleinen Chors der hiesigen russisch-orthodoxen Gemeinde, die zum Ritus selbst gehören und ihn wesentlich mitprägten“.

Die Vielfalt des orthodoxen Christentums zeigte sich durch die Gesänge von russischen, serbischen, bulgarischen und rumänischen Komponisten, auch in deutscher Sprache gesungen.

Viele wichtige Themen wurden in der nachfolgenden Ringvorlesung des Slavischen Seminars der Tübinger Universität, Studium Generale, „1000 Jahre Russische Kirche“ und in einer Tagung der Deutsch-Sowjetischen Gesellschaft Baden-Württemberg „Tausend Jahre Christentum in Russland“ im Evangelischen Gemeindezentrum „Lamm“ besprochen, wo auch unsere Gemeinde teilnahm und Vater Johannes seine Vorträge über die Russische orthodoxe Kirche gehalten hat.

„Ein heikles und kompliziertes Thema ist die Situation der „Orthodoxen Gemeinden unter dem Moskauer Patriarchat“ in der Bundesrepublik. Wer weiß schon, dass im Dritten Reich, als Hitler die russischen Exilgemeinden, die sich vom Patriarchat in Moskau losgesagt hatten, in seinem antisowjetischen Kreuzzug einspannte, durch Gesetz die Patriarchats Gemeinden enteignet und alle Grundstücke und Kirchengebäude „den russisch-orthodoxen Gemeinden im Ausland zugesprochen wurden“, — so das Evangelischem Gemeindeblatt für Württemberg vom 24.07.1988.

„Orthodoxie und Deutschland — ein wunder Punkt… der aufgrund der Gleichschaltungsgesetze aus der Nazizeit in der Bundesrepublik immer noch nicht offiziell anerkannt“, — berichtete der Reutlinger General-Anzeiger am 13.6.1988 im Artikel „Wir machen Kirchengeschichte“.

Gennadi Pavlov aus der DSG (Deutsch-Sowjetische Gesellschaft) betonte die Wichtigkeit, „die endlich begonnene, von den deutschen Kirchen vorangetriebene Aussöhnungsarbeit, die unsere beiden Völker sich gegenseitig schuldig sind“, nämlich „das Interesse von Deutschen und Russen, aneinanderzuwachsen. Es drängt nach Begegnung, und Begegnung ist Voraussetzung für Verständnis“, — meinte auch Martin Dietrich, Direktor des Evangelischen Oberkirchenrates. „Aus der Begegnung, so Dietrich, können sich wichtige Impulse für Versöhnung mit dem russischen Volk ergeben“, — berichtete das „Evangelische Gemeindeblatt für Württemberg“.

Einladung der Gemeinde
Einladung der Gemeinde

Daraus darf man schließen, dass unsere Gemeinde eine wichtige historische Rolle in der Initiative der christlichen Kirchen in Baden-Württemberg für Volksversöhnung gespielt hat. Auch das Tübinger Semesterprogramm 1987-1988 von KHG und ESG (Katholische Hochschulgemeinde und Evangelische Studentengemeinde) erschien unter dem Motto: „Frieden und Versöhnung mit den Völkern der Sowjetunion“.

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