Die Gemeinde Hl. Maria von Ägypten kann bis in das Jahr 2007 nur im Zusammenhang mit der Gemeinde Hl. Prophet Elias in Betracht gezogen werden. Erst im Jahre 2007 haben diese zwei Gemeinden sich gesetzlich getrennt, durch die offizielle Eintragung der Tübinger Gemeinde in das Tübinger Vereinsregister. Am 1. Juli 2007 wurde die Satzung der Gemeinde ausgearbeitet und auf der Gemeindeversammlung einstimmig angenommen. Mit dem Segen des Pfarrers wurde die Gemeinde ein eigenständiger Verein «Orthodoxe Kirchengemeinde in Tübingen/Patriarchat Moskau“ mit eigenständiger Finanzregelung. Zum Vorsitzenden des Vereins wurde Pfarrer Mitrofan gewählt, zu seiner Stellvertreterin Nadezhda Fischer, die neue Kirchenälteste, und Priester Paul Sohnle zum Schriftführer. Von diesem Zeitpunkt an erhielt die Gemeinde das Recht, eine eigene Kirche zu bauen, und begann mit der aktiven Suche nach einem Standort dafür.

Bis dahin galt die Gemeinde Hl. Elias in Stuttgart als wichtigste in jeder Hinsicht, denn die Gottesdienste wurden dort öfter gefeiert und waren immer von Priorität. Dabei mussten natürlich alle Tübinger Gemeindemitglieder regelmäßig nach Stuttgart fahren. Als im Jahr 1994 noch eine dritte Gemeinde in Ulm auf den Schoss der Tübinger und Stuttgarter Gemeinden kam, wurde noch dazu mehr auf eigene Gottesdienste verzichtet, zugunsten der neugeborenen Ulmer Gemeinde.
In diesen Jahren war es üblich, dass jedes Patrozinium-Fest nur in einer von drei Gemeinden gefeiert wurde und die Mitglieder von den beiden übrigen Gemeinden dorthin kamen, um mitzufeiern und mitzusingen und die anschließende Agape mit Speisen und Auftritten zu bereichern. Demzufolge kann man die Tübinger Gemeinde als „Pendel-Gemeinde“ bezeichnen. Auch in ihrer früheren Geschichte ist sehr auffällig, wie reich das Spektrum von Gottesdienstorten war: Von Baden-Baden und Tübingen bis Wernau, Stuttgart und Gaildorf ganz abgesehen davon, wo Vater Johannes auf ökumenischen Konferenzen, Treffen und kirchlichen Tagungen eingeladen war. Oft kam es dazu, dass evangelische Kirchen und Tagungseinrichtungen wie Kloster Kirchberg oder das Bildungshaus Schöntal ihre Räume für orthodoxe Gottesdienste zur Verfügung stellten und sich für die Geschichte der russischen Kirche interessierten.

Mit dem Diakon Sergij Cherkasov in der Schlatterhaus-Kapelle
Oft kam es in ihrer Geschichte vor, dass die Gottesdienste priesterlos gefeiert wurden, weil Pfarrer Mitrofan, der nach dem Sterben des Pfarrer Johannes amtierte, schwer krank war. Dafür hat er einen speziellen Ritus der Typika (priesterlose Liturgie) erarbeitet. Lob für die Gemeinde: Sie betrachtete die Kirche nicht nur als Anlass für das Streben nach frommer Erfüllung der kirchlichen Regeln oder als die Möglichkeit der Teilnahme an ihren Sakramenten, sondern auch als ein gewisses Bedürfnis nach gemeinsamer Gottpreisung, gemeinsamen Singen und Evangelium-Lesen, gemeinsamer Herrntagverehrung und vor allem einer Sehnsucht nach geistlicher Gemeinschaft, wo auch Christus selbst unbedingt mit dabei sein müsste, im Sakrament der Eucharistie und in der Atmosphäre des Familienkreises an dem gemeinsamen Agape-Tisch. Diesbezüglich kann man die Tübinger orthodoxe Gemeinde als „muntere und aktive“ bezeichnen, die unter keinen Umständen aufgibt und auf allen Ebenen funktionsfähig und kommunikationsfähig ist — ganz gleich, ob es um Gottesdienste, Chorproben, Renovierungspläne, Kinderfreizeiten, wissenschaftliche Seminare, Publikationen oder offizielle Vertretungen in der ACK (Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen) geht. Selbstverständlich, dass kein Schritt ohne den Segen vom Pfarrer der Gemeinde unternommen wurde.
Das Wertvollste dabei war, dass der Kontakt mit dem Pfarrer immer in Form der vertrauensvollen und respektvollen Besprechung stattfand. Anmaßende Sanktionen oder stumpfsinniger Gehorsam waren in dieser Atmosphäre nicht denkbar. Dieser Hauch des tiefsten Respekts und der Liebe kam aus dem Pfarrer und hat auf die Gemeindemitglieder als Vertrauenskredit gewirkt, jeder fühlte sich geschätzt, geschützt und geliebt, in Einigkeit mit dem Pfarrer, miteinander und mit der ganzen Kirche, deren Haupt unser menschenliebender Christus ist.
Von Anfang an den Segen der Metropoliten Antonij von Sourozh und Metropoliten Irinej (Zuzemil) zu bekommen, war nicht nur spürbar durch diese vertrauensvolle Atmosphäre, sondern auch durch die aufmerksame Wahrnehmung ihrer Worte, ihre Lebenserfahrung, ihr geistliches Erbe. Einer der Heiligen unserer Zeiten, Elder Emilianos Wafidis, hat gesagt:
„Wenn man ohne Höflichkeit vorgeht, darf man sich nicht als ein orthodoxer Christ bezeichnen“.
Dieses Konzept haben die Gemeindemitglieder wahrgenommen und sich darangehalten. Keiner konnte direkt auf die Gäste mit Vorwürfen oder lehrhaften Bemerkungen zugehen, sondern nur mit der netten Begrüßung und herzlichen Einladung zum Gottesdienst und Agape-Tisch. Anschließend bot der Pfarrer höflichst dem Gast an, ob ihm das Gottesdienst-Programm nach Hause geschickt werden dürfte. Das Programm hat er immer selbst in seinem Büro zu Hause gemacht und in einem Copyshop auf den bunten Blättern drucken lassen und tat sie selbst noch in die Umschläge, frankierte und verschickte sie. Die Gemeindemitglieder haben sich so stark daran gewöhnt, dass, wenn es etwa zu anderen Erfahrungen mit den Gastpriestern kam, seufzten unsere Leute, dass sie die „höfliche milde deutsche Orthodoxie“ vermisse… Deswegen kann man die Tübinger Gemeinde als „taktvolle und nette“ bezeichnen, der er tatsächlich „das zerstoßene Rohr nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen wird“ (Mt. 12,20).

Zwölf Jahre lang versorgte Tatiana Volohonsky die Gemeinden mit Kerzen
In der Gemeinde gab es nie eine richtige Verkaufsstelle, und für die Kerzen wurde immer eine freiwillige Spende verlangt. Es stand immer ein Körbchen neben den Kerzen, wo jeder seine Geldspende in einem beliebigen Moment hineinlegen konnte. Zwölf Jahre lang hat ein weibliches Gemeindemitglied alle Kerzen selbst für die Kirche zu Hause gezogen. Es wurden auch keine Tellerkollekten während des Gottesdienstes gesammelt, damit es keine Ablenkung von der Liturgie gab. Stattdessen bat Vater Mitrofan um monatliche oder jährliche Überweisungen per Lastschrift. Für die Taufen von Gemeindemitgliedern verlangte Vater Mitrofan kein Geld, auch nicht für Krankenhausbesuche und Krankensalbung. Deswegen konnte die Tübinger Gemeinde in der Geschichte der Kirche als „geldverachtende“ in Erinnerung bleiben.
Ein kennzeichnendes Merkmal der Gemeinde war die Tatsache, dass neben den ständigen Mitgliedern, die in Tübingen und Umgebung wohnten, dort viele Studenten und Gastwissenschaftler aus verschiedenen Ländern waren, die an der Universität und dem Max-Planck-Institut gearbeitet haben. Nach ihrem Weggang aus Tübingen hielten sie den Kontakt mit der Gemeinde, unterstützten sie und zählten sie zu ihrer geistigen Familie.
Zu den Gemeindemitgliedern gehörte auch der Dichter und Übersetzer Henri Volohonsky, Autor des bekannten Liedes „Über dem Firmament ist eine goldne Stadt“. Seine poetischen Übersetzungen von Gottesdiensttexten und Psalmen ins Russische, die im Jahr 2016 veröffentlich worden waren, sind sehr beliebt unter den Priestern der orthodoxen Kirche. Die meisten dieser Übersetzungen wurden von ihm in Tübingen geschrieben, wo er von 1995 bis 2002 gelebt hat.

Zu den Gemeindemitgliedern gehörte über die Jahre hinweg auch Elena Dmitrievna Klepinina, die Tochter von Neumärtyrer Prister Dimitrij Klepinin (1904 – 1944). Er wurde im KZ Buchenwald ermordet. Die Kirche des Ökumenisches Patriarchats hat ihn im Jahr 2004 heiliggesprochen. Elena Dmitrievna hat in der Gemeinde Vorträge gehalten über ihren Vater und hat eine Ikone von der Pariser Neumärtyrer ehrwürdiger Mutter Maria Skobzova, ihren Sohn Jurij, Hl. Elias Fondaminskij und Prister Dimitrij, die ihre Leben für ihren Nächsten und für Christus gegeben haben, geschenkt.

Der Inhalt
- Intro
- Vorgeschichte
- Geschichte der Gemeinde
- Anfang: Der Segen von Metropolit Antonij (Blum)
- Deutsch-Byzantinischer Chor TABOR als Ursprung und Grundlage der Gemeinde
- Gründung der orthodoxen Gemeinde Hl. Maria von Ägypten in Tübingen
- Gründung der Filialkapelle der Gemeinde in Wernau
- Gottesdienstpläne der ersten Jahre
- Deutsche Kirchen feiern 1000 Jahre Taufe Russlands. Historische Rolle der Tübinger orthodoxen Gemeinde in der Volksversöhnung. 1988
- Rückkehr ins Schlatterhaus. 1995
- Gründung der Gemeinde hll. Märtyrer Valentin und Pasikratus in Ulm
- Registrierung des Vereines der Tübinger orthodoxen Kirchengemeinde. 2007
- Archimandrit Mitrofan Hauser (1960-2021)
- Priester Paul Sohnle (1942-2008)
- Leben der Gemeinde während der „priesterlosen“ Jahre. 2008-2016
- Nach 15-jähriger Pause zelebriert Vater Mitrofan in Tübingen wieder
- Tod des Pfarrers im Jahr 2021