Bevor wir die Geschichte der Gemeinde weiter erörtern, wollen wir etwas bei deren verdienstvollem Priester Paul Sohnle verweilen, der die bisher beschriebenen Kirchen als unabkömmlicher Helfer des Pfarrers Mitrofan betreute.
Werner Sohnle, promovierter Philologe aus Stuttgart, wurde im Jahr 1969 in Frankreich im Lesninskij-Kloster der Russisch-Orthodoxen Kirche im Ausland getauft. Sein geistlicher Vater war Erzbischof Johannes Fürst Shachovskoy. 1972 wurde er zum Subdiakon und im Jahr 1982 zum Diakon in der Nikolaikirche in Stuttgart geweiht, wo er bis 1993 wirkte, als er aus persönlichen Gründen in die orthodoxe Gemeinde des Hl. Propheten Elias in Stuttgart wechselte. Der ROCOR-Klerusoberste untersagte Diakon Paul den Dienst, weil er sich für eine Frau aus seiner Gemeinde einsetzte, um die übermäßig harte Handlungsweise ihr gegenüber durch die Kleriker seiner Kirche zu unterbinden. Kurz nach der Auflösung dieses Konflikts wurde er jedoch von Erzbischof Mark von Berlin und Deutschland wieder in sein volles Amt eingesetzt. Allerdings unter der Auflage des Dienstverbots in den Gemeinden von Vater Mitrofan, der durch Metropolit Irinej Zuzemil zum Priester geweiht wurde, mit der Begründung, die Gemeinden seien nach der damaligen Auffassung der ROCOR nicht kanonisch. Das Moskauer Patriarchat und die Russische Auslandskirche standen in den 90er Jahren noch nicht in der Sakramentengemeinschaft, so dass das Verbot des Dienstes von Vater Paul formell keine Gültigkeit hatte, aber angesichts der sehr schwierigen Verhandlungen des Klerus dieser beiden Kirchen auf dem Weg zur Vereinigung, die in jenen Jahren vom russischen Patriarchen Alexij II geführt wurden, hielt Erzbischof Feofan von Berlin und Deutschland lange Zeit sich zurück, Vater Paul zum Priester zu weihen oder ihm auch nur den Dienst als Diakon zu erlauben. Dies war eine schwere Prüfung für Vater Paul: Er hatte keine Familie (außer seiner kranken Schwester, die er pflegte), und sein Wunsch, dem Herrn zu dienen, war der Sinn seines Lebens.
Viele Jahre lang setzte sich Pfarrer Mitrofan zusammen mit der Gemeinde intensiv für die Priesterweihe von Vater Paul ein. Es wurden Briefe nach Moskau geschrieben und Unterschriften gesammelt, es wurde gebetet. Bei allen Gottesdiensten in diesen Jahren erfüllte er stets die Pflichten eines einfachen Ministranten und war dem Pfarrer ein treuer Helfer. Er wurde sein engster Freund und Mitarbeiter. Erst im Jahr 2001 konnte Erzbischof Feofan ihn in der Kirche Hl. Prophet Elias zum Diakon ernennen, und 2002 weihte er ihn zum Priester, was zur rechten Zeit kam, da die Gesundheit von Pfarrer Mitrofan sich rapide verschlechterte und er nicht mehr regelmäßig nach Tübingen reisen konnte.

Bis zu seinem Tod im Jahr 2008 hielt Vater Paul alle Gottesdienste in Tübingen ab und träumte davon, nach seiner Pensionierung dorthin zu ziehen. Er fand dort sogar eine Betreute Wohnung, weil er sie aus gesundheitlichen Gründen brauchte. Doch der Herr rief ihn in seinem 67. Lebensjahr heim. Nach Komplikationen einer Chemotherapie und einer Lungenverletzung, die er bei einem Verkehrsunfall auf der Fahrt zum Weihnachtsgottesdienst von Stuttgart nach Tübingen wegen Glatteis erlitt, verschlechterte sich sein gesundheitlicher Zustand. Seine letzten Gottesdienste in Tübingen hielt er jeden Tag in der Karwoche, und beim Gottesdienst am Karsamstag war er so schwach, dass Gemeindemitglieder seine Hände im Gebet stützen wollten, um sie aufrecht zu halten, ähnlich wie Aaron die Hände von Moses im Kampf gegen die Amalekiter stützte.
Nach Ostern bat Vater Mitrofan Vater Paul um eine dringende Hospitalisierung, weil es ihm so schlecht ging. Er gehorchte ihm, obwohl er eine Vorahnung hatte, dass er das Krankenhaus nicht mehr verlassen würde. Und so geschah es — am 13. Juli 2008 ging er auf der Intensivstation zum Herrn, während der Lesung des Evangeliums, das ihm eine Frau aus der Stuttgarter Gemeinde vorlas, die ihn jeden Tag im Krankenhaus besuchte. Ewiges Gedenken an ihn! Den Gemeindemitgliedern blieb er in Erinnerung als ein freundlicher, fröhlicher und demütiger Diener Gottes, sehr verantwortungsbewusst gegenüber seinen Pflichten und gegenüber jedem Menschen, erfüllt von reiner und untadeliger Frömmigkeit vor Gott und dem Vater, von der das Evangelium sagt,
dass sie darin besteht, „sich um Waisen und Witwen in ihrer Not zu kümmern und sich von der Welt unbefleckt zu halten» (Jak. 1,27).
Nach seinem Tod erschien er dieser Frau aus der Gemeinde in einem Traum sehr freudig und forderte uns alle auf, den Akathistos zur Mutter-Gottes-Ikone «Ich bin mit euch, und niemand wird gegen euch sein» zu lesen.


Beerdigung von Vater Paul
So findet man Grab von Priester Paul Sohnle in Stuttgart:


Der Inhalt
- Intro
- Vorgeschichte
- Geschichte der Gemeinde
- Anfang: Der Segen von Metropolit Antonij (Blum)
- Deutsch-Byzantinischer Chor TABOR als Ursprung und Grundlage der Gemeinde
- Gründung der orthodoxen Gemeinde Hl. Maria von Ägypten in Tübingen
- Gründung der Filialkapelle der Gemeinde in Wernau
- Gottesdienstpläne der ersten Jahre
- Deutsche Kirchen feiern 1000 Jahre Taufe Russlands. Historische Rolle der Tübinger orthodoxen Gemeinde in der Volksversöhnung. 1988
- Rückkehr ins Schlatterhaus. 1995
- Gründung der Gemeinde hll. Märtyrer Valentin und Pasikratus in Ulm
- Registrierung des Vereines der Tübinger orthodoxen Kirchengemeinde. 2007
- Archimandrit Mitrofan Hauser (1960-2021)
- Priester Paul Sohnle (1942-2008)
- Leben der Gemeinde während der „priesterlosen“ Jahre. 2008-2016
- Nach 15-jähriger Pause zelebriert Vater Mitrofan in Tübingen wieder
- Tod des Pfarrers im Jahr 2021