Gründung der orthodoxen Gemeinde Hl. Maria von Ägypten in Tübingen

Im Oktober 1985 fand ein Seminar im Institut für Ökumenische und Interreligiöse Forschung der Katholisch-Theologischen Fakultät der Tübinger Universität statt. Das Seminar mit dem Thema Orthodoxe Kirche wurde geleitet von Dr. theol. Anne Jensen (1941-2008). Am Schluß sind die Seminarteilnehmer auf die Idee gekommen, einen orthodoxen Gottesdienst zu erleben. Frau Dr. Jensen wandte sich an Vater Johannes Bücheler mit der Bitte, einen Vespergottesdienst für ihre Studenten zu zelebrieren. Sobald Zumbroichs Chorproben im Schlatterhaus stattfanden, wurde vereinbart, diesen Gottesdienst dort im Andachtsraum der ESG durchzuführen. Am Ende des Gottesdienstes haben sich drei begeisterten Teinehmer entschieden zu bleiben, um eine orthodoxe Gemeinde in Tübingen zu stiften. Diese drei Personen waren Priester Johannes Bücheler, Rentnerin Hilda Püschel und Künstler Christophor Pelzer.

Hilda träumte, dass die Tübinger orthodoxe Gemeinde ihrer Lieblings-Heiligen gewidmet würde – der Hl. Maria von Ägypten. Ihre Faszination kam durch ein Büchlein von den deutschen Schriftstellern Gertruda und Thomas Sartory, „Maria von Ägypten — Allmacht der Buße“, veröffentlicht 1982 durch den Verlag Herder, Freiburg im Breisgau. So wie es in der Beschreibung zu diesem Buch stand:

„Dostojewskij sagte über die Lebensgeschichte der Maria von Ägypten, man könne sie kaum ohne Tränen anhören — „und zwar nicht so sehr vor Rührung als aus einer ganz eigenartigen Begeisterung“. Nicht nur in der Welt des christlichen Ostens hat die geheimnisvolle Maria bis zum heutigen Tag eine große Rolle gespielt, auch im Westen hat sie, die heute Vergessene, in Geist und Seele, Literatur und Kunst ihre Spuren eingegraben. Noch Emil Nolde widmete ihr ein ganzes Triptychon, bei Rilke begegnen wir ihr in den Neuen Gedichten, Brentano schrieb ein langes Gedichtfragment auf sie, und Goethe ließ Maria Aegyptiaca in seinem „Faust“, am Ende des zweiten Teils, auftreten.“

So berührte diese Lebensgeschichte auch das Herz der Hilda. Daher hat sie vorgeschlagen, dass diese heilige Frau die Patronin von der neuen Gemeinde wird. Was für eine Freude für Hilda war es, als ihr Vorschlag von den anderen sofort angenommen wurde! So ist die Gemeinde der orthodoxen Kirche in Tübingen entstanden.

Es gab bereits 10-12 Teilnehmer verschiedener Nationalitäten, unter ihnen auch Studenten der Theologie der Tübinger Universität, die sich regelmäßig zum Singen im Schlatterhaus getroffen haben. Man kann sagen, dass es die größte deutschsprachige orthodoxe Gemeinde in der BRD damals war. Sie ordnete sich Erzbischof Irinej von Wien und Österreich unter, damals auch zeitweiliger Verwalter dieser Diözese, und dadurch war sie Teil der Russischen orthodoxen Kirche des Moskauers Patriarchates. Die Interessen der Studenten lagen an einem Chor mit byzantinischen Gesängen. Durch das Ehepaar Zumbroich hat Hilda Püschel die liturgischen Gesänge gelernt, und später ist sie die Chorleiterin der Gemeinde geworden. Einer von diesen Studenten war der schwäbische Theologie-Student Michael Hauser, der in dieser Gemeinde orthodox geworden und danach fast dreißig Jahre deren Pfarrer gewesen war. Die deutschsprachige Gemeinde hat viele andere Deutsche ermutigt, orthodox zu werden. Manche davon sind Priester und Nonnen geworden. Die Vision der Gründer und deutschen Mitglieder dieser Gemeinde war es, eine Deutsche orthodoxe Kirche in ihrer Heimat zu erlangen.

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